Das Glück des Menschen in modernen Zeiten

Am Ende seines Buches “Eine kurze Geschichte der Menschheit” stellt Yuval Noah Harari die Frage nach dem Glück des Menschen und beantwortet sie nur vage. Hat all’ der technische Fortschritt den Menschen nicht nur intelligenter, schneller und mobiler gemacht sondern ihn auch glücklicher werden lassen? Das Glück wurde nie schriftlich festgehalten und wird erst seit kurzem statistisch erfasst. Es lässt sich vermuten, dass zum Beispiel eine gesunkene Kindersterblichkeit, Einfluss auf das Glück des Menschen gehabt haben muss.

Harari erklärt das Glück mit einer inneren Skala, deren Medium, Maximum und Minimum definiert und von Mensch zu Mensch verschieden sind. Egal was passiert, die Skala pendelt sich immer wieder im Medium ein. Auch Blinde sind glücklich. Das Glück eines Menschen lässt sich wohl als den Punkt seines Mediums oder als die Intensität und Frequenz der Ausschläge verstehen.

Ob sich dieses Medium über Jahrtausende hinweg langsam verschoben hat, ist schwer zu sagen. Über Intensität und Frequenz der Ausschläge lässt sich jedoch theoretisch nachdenken. Die Kindersterblichkeit wird früher wohl für häufigere Ausschläge in Richtung des Minimums gesorgt haben. Auf das Medium wird sie jedoch keinen Einfluss gehabt haben.

Was mich in Ehrfurcht versetzt ist der Gedanke an die ersten Menschen die neues Land betraten. Nach monatelanger, ungewisser Reise auf See betreten sie einen Strand, der für uns heute ein Ort der Erholung ist. Dahinter: tausende Kilometer nie betretener Wälder und Berge. Es wird Jahrhunderte dauern bis dieses Land vollständig bekannt ist. Dieses Gefühl der absoluten Übermächtigkeit der Natur ist ein Gefühl, das wir heute nicht mehr kennen. Nicht mehr kennen können.

Natur wird gemeinhin als nicht vom Menschen geschaffen. Heute gibt es das Ungeschaffene nicht mehr, alles ist kultiviert. Auch die vermeintliche Natur breitet sich nur in vom Menschen wohl deffinierten Zonen aus. Dieses Gefühl der Naturübermacht muss die Skala des Damalsmenschen in einer Weise ausschlagen lassen haben, die dem Jetztmensch vollkommen unbekannt ist. Kein Konsumrausch, keine synthetische Droge und keine Gehaltserhöhung kann dieses Gefühl auch nur annähernd imitieren.

Ein anderes dieser Urerlebnisse muss die Jagd und das Erlegen eines übermächtigen Feindes mit bloßer Hand und in der Gruppe gewesen sein. Diese Urgefühle sind heute unbekannt und schlichtweg unmöglich empfunden zu werden. Damit verkümmert in Teil unseres Wesens gänzlich unstimuliert. Die Manifestation davon ist eine tiefliegende Orientierungslosigkeit, die wir manchmal verspüren. Schon, dass wir nach dem Sinn des Lebens suchen müssen, heißt für mich, dass wir ihn nie mehr finden werden.

Auch der Mensch unterliegt der Evolution. Die Evolution ist ein steter aber vergleichweise langsamer Prozess. Daher lebt der Mensch in der modernen Welt mit dem Wesen der Steinzeit. Er lebt seinem Wesen fremd.

Damals wie heute ist der Mensch durch die vierte Dimension gebunden und gezwungen den Tag zu leben wie er kommt. Heute glauben wir, verführt durch eine auf die Zukunft ausgerichtete Politik und Wirtschaft, die Zukunft in gewisser Weise vorhersagen, vielleicht sogar manipulieren zu können. Wir irren uns. Nach wie vor ist der Mensch dazu nicht in der Lage. Nur, dass er glaubt, er wäre es, lässt ihn vollkommen neue Gefühle empfinden: Ungewissheit und Zukunftsangst.

Unsere Gesellschaft sperrt das urtümliche Wesen des Menschen in einen engen Anzug. Jedes Tier darf sich zu jeder Zeit und an jedem Ort paaren, scheißen, schlafen, ja einfach so jegliche Laute von sich geben. Wir kennen Erregung öffentlichen Ärgernisses, Wildurinieren, Hausfriedensbruch und Störung der Nachtruhe.

Der Mensch verspürt nach dem Sex eine ganz andere, tiefere Art des Glücks als nach dem Einkauf oder dem Essen. Solche animalischen Freuden werden uns als Gesellschaft zusammen halten, wenn die gesamte Welt optimiert, automatisiert und kultiviert ist. Es wird noch Jahrtausende dauern, bis der Mensch sich innerlich an die, von ihm geschaffenen, äußeren Umstände, angepasst hat. Solange er nicht den Fehler begeht, mit der Selbstevulotion zu beginnen.

Sollten wir auf die törichte Idee kommen, diese letzten animalische Überreste zugunsten von weißeren Zähnen zu vernichten. Dann begingen wir das, was die Griechen die Hybris nannten, die Gottlosigkeit, die Selbstüberhöhung des Menschen. Ein Wesen, dem nichts mehr heilig ist, dass nichts mehr über sich zu kennen meint, das ist kein Mensch mehr.

Wir würden uns selbst abschaffen.