Wie man Kunst betrachtet

Für alle die, die nicht wissen, wie man Kunst zu betrachten hat. Denn es ist schwer. Keine Frage. Wer sagt: “es gefällt mir einfach”, wirkt ungebildet. Wer sagt: “Der Künstler setzt sich hier radikal über das Clichee hinweg”, will gebildet wirken. Wer hier häufiger ist, war hier noch nie - oder nur einmal, das aber nur zum Essen. Wer etwas schon einmal irgendwo anders gesehen zu haben meint, liest am Kiosk die erste Seite des Feuilleton. Wer einen Audioguide benutzt, hat Angst vor der eigenen Meinung. Oder ist über 50.

Für alle die, die nicht wissen, wie man Kunst zu betrachten hat. Gibt es Hoffnung. Denn es ist schwer. Aber nicht unmöglich. Denn mit ein wenig Handwerkszeug ist es durchaus machbar, Kunst qualifiziert zu begegnen.

Erste Begegnungen

Zuerst muss verstanden werden, wie ein Ausstellungsort zu durchschreiten ist. Nur Anfänger fangen vorne (oder sogar auch noch chronologisch) an. Wähle ein Schritttempo, das schneller ist, als es für andere angenehm wäre, aber gerade noch für dich selber auszuhalten. Durch die Wahl eines leicht erhöhten Schrittes vermeidest du es automatisch, von, dich undynamisch wirken lassenden, Gruppenführungen aufgehalten zu werden. Auch signalisierst du so anderen Ausstellungsbesuchern, dass du alles Vorwissen, was benötigt werden könnte, bereits mitbringst. Infotexte lesen ist was für Versager.

Es lohnt sich, die Ausstellung zuerst vom Eingang aus schleunig hinter sich zu bringen (und dabei kritisch zu überprüfen, ob das hier deine Zeit überhaupt wert ist). Danach kannst du die Räume von hinten aufrollen und dich dabei an den Werken orientieren, die im ersten Durchgang (bei dir) hängen geblieben sind. Wirke unbedingt kritisch.

Um deiner positiven Meinung von einem bestimmten Werk, qualifiziert wirkend, Ausdruck zu verleihen, stehen dir verschiedene Urteilskategorien zur Verfügung, um dann auf Nachfrage, eine Antwort parat zu haben, wenn die Frage kommt: “Warum gefällt ihnen dieses Bild?”

“Das passt in mein Wohnzimmer”

Als angehender Kunstsammler (ohne bestehende Sammlung versteht sich) musst du jedes Kunstwerk ganz unvoreingenommen betrachten. Und dich nicht etwa fragen, ob du dir das leisten könntest. Nein. Du fragst dich: Passt das in mein Wohnzimmer? Die Antwort sollte dabei nicht von so mittelständlerischen Konzepten wie Einrichtung, Licht oder Wandfarbe abhängen. Im Fall der Fälle passt du deinen Wohnraum selbstverständlich den darin hängenden Kunstgegenstände an. Nein. Zur Antwort führt viel eher: Wer betritt dein Wohnzimmer? Geschäftspartner? Reiche Kinder? Stalker? Paparazzi? Welchen Effekt wünscht du auf welche Personengruppe? Willst du arme Menschen abschrecken oder vielleicht ins Gespräch mit osteuropäischen Frauen kommen?

“Damit kann ich andere Leute nerven”

Es ist nicht ungewöhnlich, wenn du Gefallen daran findest, deine Mitmenschen zu nerven. Das ist normal. Und keineswegs krankhaft oder Anzeichen einer gestörten Psyche. Der Nachteil an einem frisierten Renault Twingo ist, dass sich andere darüber beschweren könnten. Mit Recht sogar. Hier kommt nun die Kunst ins Spiel. Kunst ist ganz grundsätzlich - unantastbar. Der Erwerb eines Kunstgegenstandes ist daher ideal geeignet um dein soziales Umfeld abzufucken.

“Es macht mir einfach Spaß”

Manche Dinge sind einfach ganz grundsätzlich witzig. Etwas zu mögen, einfach weil es Spaß macht, kann gar nicht falsch sein.

Mit Anspruch

Unabhängig von all dem, was du vorgeben könntest, verhält es sich doch so: das echte Urteil ist ein Geschmacksurteil. Auch die größten Kunstkenner sagen am Ende doch: “es gefällt mir einfach”. Klar. Es gibt dann auch eine sehr gebildeten Begründung oben drauf. Aber es ist und bleibt ein: “es gefällt mir einfach”. Die große Kunst ist es, solange so zu tuen, als hätte man Ahnung, bis alle anderen glauben, man hätte tatsächlich welche. Um dann endlich sagen zu können: “es gefällt mir einfach”, ohne, dass irgendeiner dieser Lauchs auch nur einen Ton dagegen sagen könnte.

Der leichteste Weg bleibt der bergab. Finde einfach alles beschissen. Unter deiner Würde. Eine Farce. Unterste Schublade. Niveaulimbo vom Feinsten. Rotze in das Gesicht der echten Kunst. Wirklich absolut pervers, was die sich trauen, hier auszustellen. Raunen sie dem vollkommen unbeteiligten Sicherheitspersonal (der Künstler ist ja doch nur noch selten selber da) an der Tür noch schnell etwas zu, bevor sie enttäuscht - aber ihre Würde wahrend - die Galerie verlassen.

Wer alles gut findet, wirkt unkritisch. Wer alles schlecht macht, ist ein Miesepeter. Wer die Meinung des Feuilleton zitiert, will belesen wirken. Wer eine eigene Meinung hat, der sollte mal mehr lesen. Du siehst: In der Kunst gibt es kein richtig oder falsch. Und auch kein dazwischen. Sag einfach, was immer sich gerade richtig anfühlt. Irgend ein Kunststudent mit Skizzenbuch wird dir schon für den Input danken.